Dr. Anke Grotlüschen ist Professorin für lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg. Gemeinsam mit Dr. Wibke Riekman leitete sie die Durchführung der leo. Level-One Studie an der Universität Hamburg.
Immer wieder hört man in letzter Zeit die Begriffe funktionaler Analphabetismus und Grundbildung? Was versteckt sich hinter den Begriffen und warum wird nicht nur von Alphabetisierung gesprochen?
Anke Grotlüschen: Funktionaler Analphabetismus liegt vor, wenn jemand kurze Texte nicht sinnentnehmend lesen kann und auch keine kürzeren Mitteilungen zu Papier bringen kann. Alphabetisierung ist hingegen die Bemühung, dem abzuhelfen. Dazu wird von E-Learning bis Mentoring, von Unterricht bis Einzelcoaching ein breites Set an Varianten angeboten. Während es in der Alphabetisierung um Lesen, Schreiben und Rechnen geht, zielt der Begriff Grundbildung zunächst auf ein breiteres Themenspektrum. Dazu gehören viele grundlegende Themen, z.B. das Wissen um Tarife und Gewerkschaften, Englisch als Fremdsprache, Internetgrundkenntnisse. Mir ist es wichtig, dass nicht nur allgemeine oder berufliche Grundbildung mitgedacht wird, sondern dass auch politische Bildung ihren Ort in der Grundbildung hat. Da die Betroffenen besonders oft in geringqualifizierter oder prekärer Beschäftigung stecken, ist hier die arbeitsmarktpolitische Grundbildung höchst angebracht. Was ist ein Tarif, wie ist das mit dem Mindestlohn, was passiert gerade mit den Werkverträgen auf dem Bau, wie geht Solidarität, wenn jeder gegen jeden konkurriert? Aber auch Fragen der Familien-Grundbildung und Gesundheit können hier mit hineinspielen: Wie löst man Konflikte ohne verbale Grobheiten, wie gelingt Erziehung, wie kann man die Familienbalance herstellen, wie kommt man zu guter Erholung, Ernährung und Bewegung?
Welche Größenordnung hat funktionaler Analphabetismus?
Anke Grotlüschen: In Deutschland sind wir auf hochgerechnet 7,5 Millionen Erwachsene im Alter von 18- 64 Jahren gestoßen. Darunter befinden sich 2,3 Millionen Menschen, die nicht einmal einen einzelnen Satz zuwege bringen. Bezogen auf 51 Millionen Erwachsene in Deutschland sind das 14,5 Prozent der Bevölkerung. Im internationalen Vergleich erscheinen diese Zahlen zunächst plausibel einen echten Vergleich kann z.B. die PIAAC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competences) herstellen.
Wie beeinflusst Alter, Geschlecht und Erstsprache Literalität?
Anke Grotlüschen: Je älter ein Mensch ist, desto geringer ist seine Kompetenz. Bei Personen über 50 ist dieser Wert auch statistisch signifikant, das heißt, er ist nicht dem Zufall geschuldet. Das liegt entweder daran, dass Ältere zu wenig oder qualitativ schlechtere Bildungsangebote genossen haben oder daran, dass sie einen Teil ihrer Kompetenzen im Laufe des Lebens verkümmern ließen. Insgesamt sind Frauen etwas besser als Männer, offenbar haben sie die Schrift für sich erobert und die Männer geben ihr Interesse daran eher auf. Die Sprache hängt mit der Schrift eng zusammen, insofern sind Menschen anderer Erstsprache häufiger im unteren Kompetenzbereich anzutreffen als diejenigen, die Deutsch zuerst erlernt haben.
In welchen beruflichen Bereichen finden wir Analphabeten?
Anke Grotlüschen: Von den arbeitenden Betroffenen sind mehr als die Hälfte Arbeiter und Arbeiterinnen, also keine Angestellten. Rund 37 Prozent sind Un- und Angelernte, die Einkommen sind entsprechend gering. Bei kleineren Betrieben unter 50 Beschäftigten kommen sie offenbar etwas besser unter als in Großbetrieben oder im öffentlichen Dienst. Logistik-, Bau-, Metall-, Hotel- und Gastgewerbe bieten ihnen Beschäftigung, aber auch alle Büros, in denen Hilfstätigkeiten anfallen. Typischerweise sind die Lehrberufe weniger stark betroffen als die Anlerntätigkeiten. Im ungelernten Bereich ist etwa jeder Dritte betroffen, in den Lehrberufen Garten- und Landschaftsbau, Koch, Maler und Lackierer etc. etwa jeder Vierte. In der Pflege sind es deutlich weniger entweder, weil dort die ohnehin besser literalisierten Frauen überrepräsentiert sind, oder weil diese Arbeit eben doch sehr hohe Schreibkompetenz erfordert.
Was bedeutet dies für die Arbeitswelt?
Anke Grotlüschen: Beschäftigte mit geringer Literalität weichen Schreibtätigkeiten wahrscheinlich gern aus. Das ist praktisch, hat aber den Nachteil, dass sie sich dann über die Jahre das Schreiben regelrecht abgewöhnen. Wenn dann der Kollege mal im Urlaub ist, treten die Schwierigkeiten zutage. Schade ist es, wenn die Schwierigkeiten dauerhaft verheimlicht werden, und zwar von den Betroffenen ebenso wie vom mitwissenden Umfeld. Mancher Kollege merkt oder ahnt sicherlich, wer so seine Schreibschwierigkeiten hat, aber aus falsch verstandener Solidarität wird das dann lieber gemeinsam verdeckt. Eine offenere Fehlerkultur, bei der man sich selbst seine Schwächen eingestehen kann und Unterstützung findet, wenn man daran arbeiten möchte, ist sicherlich der bessere Weg.
Neben dieser menschlichen Komponente ist jedoch grade dort, wo schweres Gerät und Maschinen bedient werden, auch mit einer Sicherheitsfrage zu rechnen. Ändern sich die bekannten Abläufe, steht ein funktionaler Analphabet mit dem Rücken zur Wand: Soll er es auf eigene Faust versuchen, die neue Maschine in Gang zu bekommen, oder soll er sich outen? Wird er den Job verlieren, wenn er mit der neuen Maschinensteuerung nicht zurechtkommt? Wird er ausgelacht, wenn er in der Schulung nicht so schnell mitkommt? Mit diesen Ängsten im Genick wird er vermutlich erst einmal versuchen, allein zurecht zu kommen und das kann nicht im Sinne des Arbeitgebers sein.
Die leo. Level-One Studie (kurz: leo.-Studie)
Mit der Studie wurden zum ersten Mal umfassende Zahlen über den Analphabetismus in Deutschland vorgelegt. Zur Einordnung und Bewertung der Daten wurden Zusammenhänge zu bereits bestehenden Erhebungen zur Literalität, wie z.B. IALS hergestellt. Dabei ging es nicht nur darum, die Literalität der gesamten Bevölkerung auszudifferenzieren, sondern gezielt die Lese- und Schreibfähigkeit im niedrigsten Kompetenzbereich, dem so genannten Level One, zu ermitteln. Im Frühjahr 2011 wurden erste Ergebnisse der Studie vorgestellt. Die Kernaussage lautete damals: 7,5 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene können nur so eingeschränkt lesen und schreiben, dass sie von voller selbstständiger gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind, bzw. häufig auf Unterstützung angewiesen sind diese Zahl überraschte viele. Da die Forschung bis dahin vor allem arbeitssuchende Teilnehmende in Alphabetisierungskursen befragte, entstand ein verzerrtes Bild. Mit der leo.-Studie wurde klar: Die Mehrheit der Betroffenen steht im Berufsleben, sie haben weit überwiegend einen Schulabschluss und sind nicht in erkennbarem Maße stärker sozial isoliert als andere Teile der Gesellschaft. Mehr zur Studie: http://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo/